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Radfahren an kleineren Flüssen

Werra-Tour 2008

werra Für weitere Bilder von dieser wunderschönen Maitour in das Bild klicken ...
(fotos © ga&ul 2008-05)

Überraschungstour zum Geburtstag

Oh je, was schenke ich meiner Frau dieses Jahr bloß zum Geburtstag? Jedes Jahr die gleiche Prozedur? Doch warum grübeln. Bisher ist mir immer noch etwas Schönes eingefallen. War da nicht letztens dieser Diavortrag zu Fahrrad-Touren an Fulda, Werra und Rhön. Wunderschön muss es dort sein, und zu sehen gibt es anscheinend auch viel. Gab es nicht auch ein Buch dazu? Das wäre doch eine Idee: ich plane eine Tour mit Anreise, Startort, Strecke, Sehenswürdigkeiten usw. und schenke sie dann als Überraschungs-Komplettpaket.

Also nichts wie los zum ADFC-Laden, Buch und Karte geholt und zuhause erst einmal beides durch gestöbert. Die Entscheidung fällt schließlich für den Werratal-Radweg mit Start in Eisfeld in Thüringen unweit der Werraquelle(n), und für die Anreise mit der Bahn. Doch die wird nicht ganz einfach am Freitag vor Pfingsten! 4 verschiedene Bahngesellschaften, 6 mal umsteigen und zwei Mal eine Umsteigezeit von 5 Minuten. Dann vielleicht noch Verspätungen? Doch ich bin optimistisch, haben wir doch bisher auch komplizierte Anreisen trotz einiger Probleme gemeistert.

Es geht los

Schließlich ist es soweit. Alle Vorbereitungen sind abgeschlossen, Übernachtungen gebucht, Tickets gekauft. Gleich nach der Arbeit beladen wir zuhause die Räder mit den vorbereiteten Taschen und starten zum Bahnhof. Die Bahnsteige sind voller Menschen. Auch einige andere Radler stehen dort. Die Westfalenbahn kommt etwas zu spät und ist bereits bei der Ankunft ziemlich voll - nicht eine zusätzliche Wageneinheit ist angekuppelt. Für ihre Unflexibilität ist sie ja bereits bekannt. Doch auch für uns gibt es noch einen Stehplatz für Mensch und Fahrrad. Mit einer Hand die Bremse am Fahrrad fest angezogen, mit der anderen Hand irgendetwas Greifbares umklammernd stehen wir die erste Etappe bis Herford durch. Noch vier Minuten Zeit. Aber der nächste Zug steht ja am selben Bahnsteig gegenüber. Von wegen. Die Lokführer können sich anscheinend nicht leiden. Der eine hält am Anfang des Bahnsteiges, der andere am Ende. Also rennen, stehen, warten, bis die Aussteigenden vorbei sind, wieder rennen. Ein weiteres Paar hat sich uns angeschlossen. Sie wollen die Diemel entlang fahren, wie sich später im Gespräch heraus stellt. Also haben wir bis Bebra die gleiche Strecke...

Eisfeld

Doch ich kürze hier mal ab. Allen Widrigkeiten zum Trotz ereichen wir alle Züge und kommen tatsächlich pünktlich um 22:11 Uhr in Eisfeld an. Zwischendurch wird uns etwas mulmig zumute, als wir sehen, wie ein Mitreisender am Bahnsteig bei seiner Ankunft mit Hitlergruß empfangen wird. Darauf können wir gut verzichten in Deutschland!
Unser Privatquartier in Eisfeld finden wir zum Glück rasch. Die Vermieter hatten schon fast nicht mehr mit uns gerechnet, nehmen uns aber mit thüringischer Gastfreundlichkeit auf.

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Eisfeld
Vor dem Haus unserer Gastgeber
Blauer Himmel - leere Straßen
Start in einen schönen Tag

Der nächste Tag beginnt mit strahlend blauem Himmel. Werra-Radweg wir kommen! Den Einstieg zu finden ist nicht schwer. Der Radweg verläuft mitten durch die kleine sehenswerte Stadt. Gleich hinter dem Bahnhof geht es bergauf. Solche Anstiege finden sich immer mal wieder. Mal läuft der Weg am Hang entlang mit Ausblicken auf das Werratal, mal geht es hinab durch eines der vielen schönen Dörfer oder kleinen Städtchen. Glatter Asphalt wechselt mit kurzen Schotterabschnitten. Von oben sehen wir 'unsere' Südthüringen-Bahn, die uns von Eisenach nach Eisfeld befördert hat, wie sie an der Privatbrauerei in Heßberg vorbei zieht. Den Abstecher heben wir uns für ein anderes Mal auf, wenn wir die Tour noch einmal genussvoller angehen. Heute ist es noch viel zu früh, und wir haben Tagesetappen von 100 und mehr Kilometern eingeplant.

Infrastruktur

In Hildburghausen bringt uns ein Lift auf Altstadtniveau. Ein Fahrrad samt Fahrer passt gerade soeben hinein. Eigentlich ist er für die Besucher der Stadtverwaltung gedacht, die unten an der Stadtmauer ihre Autos parken. Überhaupt fällt auf, dass es zwar den zum Teil hervorragend ausgebauten Werratal-Radweg gibt, die Infrastruktur für den Radverkehr in den Ortschaften jedoch wie hier in den 70er Jahren zugunsten des Autoverkehrs weggelassen wurde. Viele Straßen sind neu und breit genug, und doch gibt es nicht einmal einen markierten Radstreifen. Kurz vor unserem Tagesziel Wernshausen fordern noch einmal zwei heftige Steigungen auf dem hier unbefestigten, im Wald verlaufenden Radweg unsere ganze Kraft und Konzentration. Für die paar Kilometer hätten wir besser die Bundesstraße rechts der Werra benutzen sollen.

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Hildburghausen
Mit dem Lift in die Stadt
Reurieth
Dorfansicht wie vor Jahrhunderten

Ab Wernshausen verläuft der Radweg auf Kreisstraßen vorbei an Bergen mit einfallsreichen Namen wie 'Winterkasten', Wagnerhöhe' oder 'Schöne Aussicht', bis wir Bad Salzungen erreichen. Hier sollte man unbedingt eine längere Pause einlegen und die salzhaltige Luft an dem im Jugendstil erbauten Doppel-Gradierwerk genießen. Hinter Bad Salzungen prägt der Kalibergbau mit zum Teil riesigen Abraumhalden die Landschaft. Die höchste erhebt sich 220 Meter über das Talniveau von 200 Metern. Auch sind einige knackige Steigungen zu überwinden, da in der Flussaue wegen der Überschwemmungen kein befahrbarer Weg vorhanden ist. Aber nicht nur der Weg geht hier auf und ab, auch die Preise steigen und fallen, da wir des öfteren die Landesgrenze zwischen Thüringen und Hessen queren. So kostet die Kugel Eis in Merkers (Thüringen) 50, in Heringen (Hessen) 80 Cent (2008!). Überhaupt ist der Werratal-Radweg in diesem Abschnitt kaum als solcher zu erkennen, da er häufig stark befahrene Straßen begleitet. Hier besteht weiterer Ausbau-Bedarf. Nicht entgehen lassen sollte man sich das mittelalterliche Ortsbild des Städtchens Vacha. Ab Vacha wird auch der Radweg wieder zu einem Genuss für alle Sinne, besonders jetzt im Frühjahr, wenn es überall blüht und duftet.

Übernachtung mit Hindernissen

Gegen Abend erreichen wir Eisenach. Wir sind mit einem ADFC-Dachgeber verabredet. Doch irgend etwas ist schief gegangen. Wir treffen ihn bis 22:30 Uhr nicht an und müssen uns kurz entschlossen in einem Hotel einmieten. Es ist Pfingstsonntag-Abend. Aber in der Stadt ist es ruhig wie bei uns an einem gewöhnlichen Sonntagabend. Die Lebensgewohnheiten scheinen noch von vergangenen Zeiten geprägt zu sein.

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Wagnerhöhe und Winterkasten
Berge mit sonderbaren Namen
Brücke der Einheit
Zwischen Vacha und Philippsthal

Am dritten Tag unserer Tour zeigt sich die Werra und die sie umgebende Landschaft von ihrer schönsten Seite. Das knallige Gelb der Rapsfelder wirkt im Zusammenspiel mit den grünen Wiesen, dunklen Wäldern und den Kirchen mit ihren einfallsreich gestalteten Türmen fast schon kitschig. Die Orte übertreffen sich gegenseitig mit historisch gewachsenen Ortskernen: Treffurt in Thüringen, Heldra, Altenburschla, Eschwege wieder in Hessen. In Bad Sooden-Allendorf würde es lohnen, noch einmal einen Tag zu bleiben. Doch wir sind in Witzenhausen angemeldet bei Frau Kopp, die ein Zimmer ihres schönen Hauses ganz oben am Hang über der Stadt mit "Bed & Breakfast" vermietet. Sehr persönlich eingerichtet, lädt es ein, ebenfalls mehr als eine Nacht zu verbringen, um hier in der Kirschenstadt zum Beispiel seine Fähigkeiten im Kirschkern-Weitspucken zu erproben.

Wen es nach Hannover zieht, der kann von hier aus mit geringen Höhenunterschieden in das Leinetal hinüber wechseln. Wir aber wollen am nächsten Tag weiter Richtung Hannoversch-Münden oder Hann.Münden, wie es sich heute vorzugsweise nennt. Hier endet unsere Werra-Tour. Die Weser, der wir noch bis Bad-Oeynhausen gefolgt sind, bevor uns der Regionalexpress bequem nach Osnabrück zurück befördert hat, wäre Thema für einen weiteren Bericht.

Resümee

Auch wenn hier gelegentlich von negativen Seiten des Werratal-Radweges die Rede ist, im Großen und Ganzen ist er neben dem Oder-Neiße-Radweg der schönste Radfernweg, den wir bisher in Deutschland erfahren haben. Jeder Radfernweg hat seine Höhen und Tiefen, die darüber hinaus von jedem unterschiedlich empfunden werden. So kann es sein, dass einem eine Schotterstrecke mit 16% Gefälle am Morgen Spaß macht, am Abend jedoch nach 90 km Fahrt den Rest gibt und laut fluchend im Schneckentempo absolviert wird. Wir sind die Werra in drei Tagen abgefahren, bis Bad Oeynhausen waren es dann fünf Tage mit insgesamt ca. 500 Kilometern. Das soll kein Maßstab sein. Für uns war es eine Kennenlern-Tour. Eine Wiederholung in kürzeren Etappen und mit längeren Zwischenaufenthalten - zum Beispiel in Eisenach - wird folgen, dann vielleicht in umgekehrter Richtung.
(c) 05.2008 ga&ul

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